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Die Lieder trugen, wie Droste festhielt, die Spuren eines vielfach gepreßten und getheilten Gemüthes. Nicht frommer Andachtston und religiöse Erbauung bestimmen Inhalt und Aussage, sondern die Reflexion der Glaubensproblematik des modernen Menschen.
Die so als Erbauungspoesie völlig ungeeigneten geistlichen Gedichte bezeugen das Ende der alten Frömmigkeit. Es spricht kein getröstetes Ich, das seinen Halt in Gott findet, sondern ein zutiefst irritiertes, verzweifelt darüber, dass das Wissen den Glauben zerstört hat; ein Ich, das auch in der Natur kein antwortendes Gegenbild, sondern überall Unheimliches, Abgründiges, Dunkles entdeckt. Nur mit äußerster Anstrengung finden ihre Texte zur Hoffnung auf Erlösung zurück.
In der ersten Phase gelang es Droste, den Zyklus 1820 bis zum Gedicht auf das Osterfest voranzubringen, dann brach sie die Arbeit ab. Erst etwa zwanzig Jahre später, ab 1839, konnte sie die Arbeit wieder aufnehmen und das Geistliche Jahr zu einem (vorläufigen) Abschluss bringen, dem sich freilich ein fortdauernder Prozess des Überarbeitens anschloss. Veröffentlicht wurde der Zyklus auf ihren Wunsch erst nach ihrem Tod. Er erschien 1851 unter der Herausgabe von Christoph Bernhard Schlüter, drei Jahre nach ihrem Tod. Heute zählt er zu den herausragenden Beispielen geistlicher Lyrik überhaupt.
Bild:
Skizze des Arbeitszimmers der Autorin Annette von Droste-Hülshoff im Haus Rüschhaus, © LWL-DLBW